Man lernt nie aus, wusste schon Opa. Und doch hören wir am Digital Campus Vorarlberg immer wieder: Wozu sich reinhängen, wenn die Welt verrücktspielt?
Es ist ein Gefühl, das sich leise einschleicht und irgendwann laut wird: Warum nach den Sternen greifen, wenn sowieso alles unsicher ist? Nachrichten von Invasionen, politischen Konflikten und Insolvenzen zerren an den Nerven der Otto-Normal-Bürger:innen. Dazu kommt die Sorge, ob das eigene Einkommen reicht, ob der Betrieb durchhält, ob der nächste Umbruch schon vor der Tür steht. Viele Menschen funktionieren nur noch zwischen Arbeit, Familie, Rechnungen und Terminen.
In solchen Zeiten wirkt Bildung schnell wie eine Nebensache. Etwas, das man „auch noch machen müsste“, aber nicht jetzt. Nicht, wenn die Gegenwart drückt.
Diese Stimmung ist nicht irrational. Sie ist eine logische Reaktion auf Dauerstress. Und genau deshalb ist sie so gefährlich. Denn während Krisen unsere Aufmerksamkeit fressen, läuft im Hintergrund die wirtschaftliche Realität weiter. Der Arbeitsmarkt verändert sich nicht irgendwann. Sondern jetzt.
Wer heute glaubt, Bildung lohne sich nicht mehr, riskiert am Ende genau das Gegenteil: dass die eigene berufliche Stabilität schwindet, während andere sich neu aufstellen.
Jobs der Zukunft entstehen nicht von allein
Wenn über „krisensichere Berufe“ gesprochen wird, geht es oft um Branchen. Doch entscheidend ist weniger der Sektor als das Profil. Tätigkeiten mit viel Routine sind leichter automatisierbar. Rollen, die komplexe Entscheidungen, Verantwortung, Kreativität oder Schnittstellenkompetenz verlangen, gelten als stabiler.
Die OECD weist seit Jahren darauf hin: Automatisierung vernichtet nicht pauschal Jobs, sie verschiebt Anforderungen. Und genau deshalb werden Weiterbildung und Umschulung zum zentralen Instrument, um Beschäftigungsfähigkeit zu sichern.
Das ist längst keine Kür mehr, sondern eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit: Unternehmen brauchen Menschen, die neue Technologien nicht nur bedienen, sondern anwenden, bewerten, absichern und weiterentwickeln können. Und Gesellschaften brauchen Arbeitskräfte, die Wandel nicht nur ertragen, sondern gestalten.
„Zukunftskompetenzen sind digital. Als KI-Trainer sehe ich: Wer neue Technologie versteht, baut Ängste ab und wird handlungsfähig für morgen.“
Trainer KI-Prozessoptimierung Marco Moosbrugger
Bildung als Alltagstool, nicht als Mammutprojekt
Gezielte Aus- und Weiterbildung ist kein Gegenpol zur Krise. Sie ist eine Antwort darauf.
Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum formuliert die Prognose klar: Bis 2030 werden sich rund 39 % der Schlüsselkompetenzen verändern. Besonders gefragt sind digitale Fähigkeiten, analytisches Denken und Kompetenzen, die Mensch und Technologie verbinden. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von kreativem Denken sowie Resilienz, Flexibilität und Agilität.
Resilienz, Flexibilität und Agilität.
Klingt auf dem Papier gut. Kreativ. Resilient. Agil. In der Realität klingt es für viele eher nach: Noch ein Thema. Noch eine Baustelle. Noch ein „Du musst“. Genau hier braucht Bildung ein neues Framing: nicht als zusätzlicher Druck, sondern als Entlastung durch Handlungsspielraum.
Wer sich weiterbildet, muss nicht sofort ein Studium beginnen oder eine komplette Umschulung planen. Oft reichen kleine Schritte, die im Alltag realistisch sind, und trotzdem Wirkung entfalten:
- 15 Minuten pro Tag: ein Lernhäppchen, ein Video, ein Kapitel, ein Tool.
- Eine Kompetenz pro Quartal: z. B. KI-Grundlagen, Projektmanagement, technische Kommunikation.
- Lernen am Arbeitsplatz verankern: einmal pro Woche eine Aufgabe bewusst mit einem neuen digitalen Werkzeug lösen.
- Zertifikate statt Vorsätze: kurze, abschließbare Module geben Struktur und Erfolgserlebnisse.
- Nicht perfekt, sondern anschlussfähig: Ziel ist nicht Expert:innenstatus, sondern Anschluss an neue Anforderungen.
So wird Weiterbildung nicht zur zusätzlichen Last, sondern zur Routine, wie Zähneputzen, nur für die berufliche Zukunft. Wer in kleinen Einheiten investiert, bleibt beweglich. Und Beweglichkeit ist in Krisenzeiten eine Form von Sicherheit.
Wenn Bildung nach hinten rutscht, wird es teuer
Im Krisenmodus werden Entscheidungen oft auf Sicht getroffen. Das ist menschlich. Aber wer Qualifikation vertagt, baut Rückstände auf, die später schwer aufzuholen sind. Der Preis zeigt sich nicht sofort. Sondern dann, wenn Stellen neu zugeschnitten werden. Wenn Prozesse digitalisiert werden. Wenn „Erfahrung“ allein nicht mehr reicht, weil Werkzeuge, Methoden und Erwartungen sich verschoben haben.
Dann wird aus „Ich mach das später“ plötzlich „Ich komm nicht mehr mit“.
Ein gemeinsamer Auftrag der Bildungsinstitutionen
Als Bildungsinstitution sehen wir eine klare Aufgabe: Weiterbildung muss schneller, flexibler und wirksamer werden, gemeinsam mit anderen Akteur:innen. Nicht als Einzelprogramme, sondern als vernetzte Bildungslandschaft: mit Hochschulen, Akademien, Kammern, Unternehmen und öffentlichen Trägern.
Die Frage „Wozu Bildung?“ lässt sich in Krisenzeiten nicht mit Hoffnung beantworten, sondern mit Evidenz: Weil Wissen der stabilste Schutz in einer instabilen Welt ist.
Und weil Technologie nicht wartet, bis wir wieder Luft holen.
Daten & Fakten
Laut Future of Jobs Report 2025 werden bis 2030 rund 39 % der Kernkompetenzen am Arbeitsmarkt verändert, besonders gefragt sind digitale und analytische, aber auch kreative Fähigkeiten. Die OECD betont, dass Automatisierung Qualifikationsprofile verschiebt und Weiterbildung entscheidend bleibt, um Beschäftigungsfähigkeit zu sichern.

