Jeden Morgen liegen sie wieder in Herr Meiers Postfach: Nachrichten, glattgebügelt, tadellos formuliert und von keinem Menschen gemeint. Eine künstliche Intelligenz hat sie geschrieben, um ihm etwas zu verkaufen. Und er weiß es sofort.
Über die künstliche Intelligenz wird gern in zwei Tönen geredet: Wunder oder Weltuntergang. Beides ist ein bisschen übertrieben. Nüchtern betrachtet ist sie Mathematik, sehr viel Mathematik, sehr schnelle Mathematik. Kein Hexenwerk und schon gar kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.
Am Küchentisch sitzt sie trotzdem, diese Sorge. Sie sitzt in den Betrieben, sie sitzt in den Schulen, sie sitzt am Stammtisch. Die einen fürchten, den Anschluss zu verlieren. Die anderen fragen sich ernsthaft, wie wir Menschen mit alldem umgehen sollen. Und dann sind da noch jene, die abwinken und verdrängen.
Bei der Eröffnung des neuen Standorts vom Digital Campus Vorarlberg ist ein Mann auf die Bühne getreten, der für sie alle eine Botschaft hatte. Mathias Kniepeiss ist Fotograf und er produziert heute mit ebenjener KI, jeden Tag. Er ist sichtlich begeistert von der Technik, mal eben hat er das Kolosseum in einer Detailfülle rekonstruiert, wie man sie so noch nicht gesehen hat. Und ausgerechnet dieser Mann sagt den Satz, der alles zusammenhält: Der Engpass sei nicht das Werkzeug, sondern die Vorstellungskraft.
Kniepeiss räumt mit einer bequemen Vorstellung auf. Man kann nicht irgendetwas Beliebiges in die Maschine kippen und Gold erwarten. Der Satz dazu bringt es auf den Punkt: Bullshit rein, Bullshit out. Klar, die KI kann alles produzieren. Nur eines kann sie nicht: entscheiden, ob es das überhaupt wert ist, produziert zu werden. Wer nicht erkennt, ob ein Bild trägt oder bloß kitschig ist, liefert mit ihr eben nur schneller schlechte Ergebnisse. Geschmack, Urteil, eine Haltung, das bleibt beim Menschen.
Kniepeiss hat dafür ein Bild, das sitzt. Ein KI-System, sagt er, sei wie ein extrem talentiertes, aber orientierungsloses Team. Es kann alles. Es weiß nur nicht, wohin. Irgendjemand muss die Regie führen, sonst rennt das ganze Talent blindlings im Kreis. Die eigentliche Kompetenz ist nicht mehr, ein Werkzeug zu bedienen. Sie ist, den Sinn zu erkennen und die Richtung vorzugeben.
Zurück zu der glatten Mail in Herr Meiers Postfach. Ihr Absender wird sich vermutlich rühmen, zehnmal so viele Anfragen zu verschicken wie noch vor ein paar Jahren. Mehr, mehr mehr, der feuchte Traum jedes Unternehmers. Nur: Es kommt nichts zurück. Vergrößert wurde die falsche Zahl. Wer den Eingang maximiert, hat nicht begriffen, dass es auf den Ausgang ankommt, auf die wenigen, die antworten, die sich interessieren, die am Ende kaufen.
Denn Wirtschaft, sagt Dr. Dr. Christian Hoffmann, KI-Ethik-Experte in Zürich, ist am Ende eine Beziehung. Auf beiden Seiten des Marktes stehen Menschen, die verstanden und gehört werden wollen. Das Ländle lebt von genau dieser Nähe: der Betrieb um die Ecke, der Ansprechpartner mit Namen, das Vertrauen, das über Jahre wächst und über eine einzige geistlose Massennachricht zerbricht. Man merkt einer Nachricht an, ob sich dahinter jemand befunden hat, der sich wirklich für sein Gegenüber interessiert. Man merkt es sofort. Herr Meier merkt es jeden Morgen.
Was das nun konkret heißt, für uns hier? Nicht jeder Handgriff braucht eine künstliche Intelligenz, oft genügt ein guter Gedanke. Und es braucht Begleitung. Die Leute im Betrieb mitnehmen, ihre Sorgen ernst nehmen, offen reden, denn Technik, die man am Team vorbeischleust, scheitert oft. Und in eine Bildung investieren, die hält. Werkzeuge kommen und gehen. Aber Neugier und das Urteil eines wachen Menschen, das veraltet nicht. Genau hier setzt der Digital Campus Vorarlberg an: nicht nur die Werkzeuge zu zeigen, sondern die Haltung, mit der man sie klug benutzt.
Die wichtigste Botschaft ist zugleich die einfachste, und sie passt auf einen Bierdeckel: Schalte dein Gehirn nicht aus. Du wirst es noch brauchen.