Interview: Mastering Digital Change

Durch die fortschreitende Digitalisierung ändert sich nicht nur die Industrie, sondern auch die Arbeitswelt. Am Coding Campus bilden wir deshalb in fünf bzw. zehn Monaten Neulinge und Quereinsteiger im Programmieren aus. Die Ausbildung öffnet viele berufliche Türen in der IT-Welt – vielen Experten zufolge ist sie die Zukunft, zumindest ein großer Teil davon.

Im Gespräch mit Matthias Burtscher, CEO und Co-founder von Fusonic, fragen wir nach, ob das wirklich stimmt.

DCV: Manche gehen sogar so weit zu sagen: „Wer nicht programmieren kann, ist der Analphabet des 21. Jahrhunderts.“

Diese Aussage basiert auf der Erkenntnis der letzten Jahre: Mehr und mehr verlagert sich aus der physischen Welt in die digitale Welt. Das betrifft unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unser Zusammenleben; daher ist es wesentlich, dass jeder versteht, was da passiert. Das Programmieren ist dazu ein wichtiger „Skill“ – wer das auch nur in Ansätzen beherrscht, kann besser verstehen, was eigentlich bei der Digitalisierung passiert und wie die Logik im Hintergrund funktioniert. Man kann auch besser verstehen, warum Themen wie Privatsphäre so wichtig sind: Wenn ich weiß, wie die Systeme, die wir täglich verwenden, aufgebaut sind, dann entsteht ein schärferes Bewusstsein für die Bereiche, die sich dadurch verändern und daher immer wichtiger werden.

Was außerdem ein wesentlicher Punkt ist: Wenn ich mich in dem Bereich auskenne, kann ich ihn auch mitgestalten! Ansonsten bin ich ausschließlich ein Nutzer. Will ich mitgestalten, muss ich verstehen, welche Tools, Systeme und welche Logik dahinter am Werk ist.

DCV: Doch es muss nicht jeder programmieren können, um seinen Job nicht zu verlieren, oder? Weniger polemisch gefragt: Welche Kompetenzen braucht es in einer digitalisierten Welt?

Ich glaube, es wird ähnlich sein, wie es bisher schon geschah: Arbeit, die automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. Es gibt aber auch sehr viele Jobs, die nicht automatisiert werden können. Dazu gehört alles, was mit Menschen zu tun hat, grundlegende menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, Innovation und ähnliches. Das Wesentliche ist, dass jeder, der jetzt ausgebildet wird, ein digitales Grundverständnis braucht. Das heißt nicht, dass jeder Programmierer werden muss. Wir brauchen sicherlich vermehrt Programmierer, weil es in diesem Bereich sehr viel zu tun geben wird, aber das heißt nicht, dass jeder das machen muss.

Zu den wichtigen Fähigkeiten der Zukunft gehört auch, mit anderen zusammenarbeiten zu können und gemeinsam Projekte umsetzen zu können. Denn alleine kann in dieser komplexen Welt niemand mehr wirklich etwas bewegen – außer man ist eines der vereinzelten Genies.

Es wird immer Leute brauchen, die die Experten verknüpfen und Schnittstelle sind, um Fachleute zu koordinieren. Ein breites Grundwissen, gerade im Bereich der Digitalisierung, sollte in Zukunft jeder haben, denke ich. Im IT-Bereich merken wir jedoch, dass es zu viel geworden ist, als dass sich jemand im gesamten Bereich auskennen könnte. Vor 20 Jahren hat man sich von Informatikern genau das erwartet. Doch mittlerweile gibt es so viel verschiedene Themen, dass die Berufe immer spezifischer werden.

DCV: Wie schätzt du den Bedarf an Entwicklern in Vorarlberg in den nächsten 10-15 Jahren ein?

Ich denke, der Bedarf wird ansteigen. Doch wir sind ja jetzt schon an einem Punkt, an dem wir viel zu wenige Fachleute haben. Besser wird’s so sicher nicht. In Vorarlberg suchen bereits jetzt große und kleine Unternehmen in diesen Bereichen händeringend nach Fachkräften. Das ist kein akut auftretendes Phänomen, sondern hat sich in den letzten fünf Jahren so entwickelt. Schaut man über unsere Grenzen hinaus, ist der Bedarf noch größer – es werden tausende Leute gesucht. Und so viele Leute auszubilden ist eine Monsteraufgabe!

Deshalb finde ich es wichtig, neue Ausbildungsansätze wie den Coding Campus auch auszuprobieren. Mit den klassischen Herangehensweisen wie zum Beispiel einer zusätzlichen HTL-Klasse, um dann in fünf Jahren zu sehen, ob’s funktioniert hat, werden wir nirgends hinkommen. Da wird die Nachfrage definitiv schneller steigen als das Angebot. Darum braucht es alternative Modelle – speziell für Menschen, die umsteigen wollen oder in den Bereich wieder einsteigen wollen.

DCV: Die Digitalisierung weitet sich ja auf viele Bereiche aus. Wie siehst du das Berufsbild eines Programmierers in der Zukunft?

Es wird in Zukunft sicherlich den klassischen Entwickler brauchen, aber es wird auch viele andere Berufsbilder geben. Doch welche das genau sind, kann man heute ja nicht wirklich sagen, weil sich alles so schnell ändert.

Das heißt, man sollte den Fokus in der Ausbildung nicht auf eine spezielle Berufsausbildung zu legen, sondern die Skills und das Mindset vermitteln, damit sich die Leute im Berufsleben auch wandeln und weiterentwickeln können. Dass ich 30 Jahre lang denselben Job mache, wird sich (spätestens) mit der Digitalisierung nicht mehr ausgehen.

DCV: Hat Vorarlberg für dich besonderes Potenzial als Standort für Innovation?

Entwicklungsspielraum ist immer da. Ich glaube aber, dass wir ein grundsätzlich ein gutes Gesamtumfeld in Vorarlberg haben. Eine der größten Herausforderungen ist unsere kleine Bevölkerungszahl, was bedeutet: Sobald in irgendeinem Bereich ein Mangel vorherrscht, ist es sehr schwierig, diesen Bedarf zu stillen. Trotzdem gibt es aktuell sehr viel Aktivität in Vorarlberg, die öffentlichen Institutionen sind mittlerweile auch dabei. Die Sozialpartner sind auch dahinter, aber auch viele private Initiativen und auch die großen Unternehmen haben sich vor allem in den letzten Jahren stark engagiert, um diesen Bereich weiterzuentwickeln. Was dazu kommt ist die dies begünstigende Vorarlberger Mentalität – viele nehmen die Dinge gerne in die Hand und wollen es ordentlich umsetzen.

Dementsprechend bringen sie auch den Einsatz. Das heißt, in Vorarlberg herrscht eine sehr gute Arbeitsmoral, die das auch ermöglicht. Auch in den Non-Profit-Organisationen gibt es viele Menschen, die sich da sehr stark einsetzen. Das, gepaart mit dem Know-How, das es in Vorarlberg in den Unternehmen bereits gibt, kann sehr viel bewegen. Ich bin da sehr zuversichtlich – daher würde ich auch gar nicht in Erwägung ziehen, woanders hinzugehen. Viele sagen, das Silicon Valley sei da der Top-Standort. Ich denke, das ist einfach ein anderes Umfeld. Wenn ich umgeben bin von Investoren, die mit Millionen um sich werfen, hat das natürlich eine andere Dynamik wie im Umfeld einer klassischen Industrie, die in den Bereich einsteigen will. Das bedeutet aber nicht, dass das eine oder das andere der einzig richtige Weg ist.

DCV: Die Ausgangslage in Vorarlberg ist sicherlich stark davon bestimmt, wie die Vorarlberger ticken. Das kann schon fördernd sein. Doch trotzdem fürchten sich viele Menschen davor. Ist die Angst berechtigt?

Das stimmt, aber das ist ein gesellschaftliches Problem. Eine der großen Herausforderungen ist, dass die Bevölkerung diesen Entwicklungen gegenüber einfach skeptisch eingestellt ist, weil man vor allem das mitkriegt, das negativ ist. Die vielen positiven Auswirkungen, die die Digitalisierung auf das Leben und die Gesellschaft hat, die sind irgendwie selbstverständlich. Allen wird jedoch ständig eingeredet, dass es schlechter werden wird, und das kann ich nicht verstehen. Dass Jobs automatisiert werden, gab es schon immer – das ist eine völlig normale Entwicklung in jeder Phase der Menschheit. Ich kann daher nicht nachvollziehen, warum damit Panik betrieben wird.

DCV: Die Entwicklungen der Industrie verursachten schon immer Angst. Es ist also fast schon ein menschliches Phänomen, dass man sich vor Neuem grundsätzlich zuerst fürchtet, weil man es nicht versteht.

Genau. Deshalb braucht es die, die positiv vorangehen und zeigen, dass es eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft haben kann. Da sehe ich nicht nur die Unternehmen in der Pflicht, sondern vor allem auch die öffentlichen Institutionen sollten dahinterstehen.

Denn ich denke, die größte Angst ist, dass die Veränderungen massiv sein werden und sie schneller kommen, als es in der Vergangenheit passiert ist. Das bedeutet, wenn die Digitalisierung bereits begonnen hat, betrifft es auch Menschen, die noch mitten im Berufsleben stehen und nicht abwarten können, bis ihre Jobs wegfallen. Doch auch hier gibt es ja schon viele Ansätze und Vorschläge, sowohl auf der wirtschaftlichen als auch auf der politischen Seite, dem entgegenzuwirken. Aber es traut sich niemand wirklich, etwas zu ändern, das muss man ehrlich sagen. Alle Vorschläge, die Richtung Grundeinkommen oder ähnliche Konzepte sozialer Absicherung weisen, will niemand angreifen, weil man sich vor etwaigen negativen Konsequenzen fürchtet.

DCV: Mit welchen Anforderungen seid ihr in eurer Arbeit im Digitalbereich hauptsächlich konfrontiert?

Was es momentan komplex macht ist, dass die klassische Produktentwicklung in dem digitalisierten Bereich nicht bzw. anders funktioniert. Anstelle von Konzeption, Entwicklungs-, Test- und Vertriebsphasen eines Produkts tritt die Schritt-für-Schritt Entwicklung, bei der viele Prototypen ausprobiert, verbessert und kontinuierlich weitentwickelt wird. Sprüche wie „always beta“ kommen nicht von ungefähr. Und damit können viele Menschen in den Unternehmen nicht wirklich etwas anfangen, weil sie das nicht gewohnt sind. Das heißt, eines der größten Hemmnisse ist da die Kultur, die sich wandeln muss. Das macht es für uns schwieriger, denn wir müssen unsere Kunden da mitziehen. Man sagt ja oft, dass Digitalisierung nicht wirklich ein technisches, sondern ein kulturelles Thema ist. Dass eine Organisation diese Entwicklungen wirklich mitträgt und so arbeitet, wie es erforderlich wäre, ist eine große Herausforderung. Nichtsdestotrotz nehmen wir eine starke Beraterrolle für unsere Kunden ein und zeigen auf, was technisch und auf dem Markt überhaupt möglich wäre und wie man diese Chancen im individuellen Fall nutzen kann. Unser Tätigkeitsfeld ist damit sehr breit, aber auch sehr abwechslungsreich und spannend geworden.

DCV: Man kann also davon ausgehen, dass Fusonic im permanenten Wachstum ist?

Ja, kann man so sagen – wenn wir die Leute dazu finden. 😉

DCV: Warum hat sich Fusonic entschieden, Partner des Coding Campus zu werden?

Ich fand es eine gute Idee, das auszuprobieren, ein alternatives Bildungsmodell zu schaffen – für Leute, die wirklich motiviert sind, vielleicht auch schon Vorkenntnisse haben. Wenn es solche neuen Ansätze gibt, finde ich, braucht es auch jene, die das mittragen. Man kann also nicht auf der einen Seite gut finden, dass es gemacht wird, aber auf der anderen Seite nichts dazu beitragen. So wird sich nie etwas entwickeln. Wenn wir also schon den Standpunkt einnehmen, bei dem wir es wichtig finden, das zu probieren, dann wollen wir zumindest auch unseren Beitrag leisten – auch wenn es „nur“ in Form eines Praktikumsplatzes oder einer Weiterempfehlung für dieses Angebot ist. Ich bin optimistisch und gespannt, was dabei herauskommt!

DCV: Wie sieht der Praktikumsplatz für Coder des Coding Campus bei Fusonic aus? Was gibt es dort für die angehenden Coder zu lernen, zu tun?

Nachdem am Coding Campus die fachlichen Skills gelernt werden, wollen wir den Praktikanten eine echte Projektmitarbeit mit einem Projektteam anbieten. So können sie selbst sehen, wie Softwareentwicklung im professionellen Umfeld wirklich abläuft. Welche Prozesse stecken dahinter, wie funktioniert das Teamwork, wie gleicht man sich untereinander ab und sichert die Qualität und so weiter. Denn das lernt man selten in einer Ausbildung, und wenn, dann eben auch nur theoretisch. In dem Praktikumsmonat werden die Coder also in ein Team integriert, arbeiten aktiv mit und können so dazu etwas beitragen und für sich selbst feststellen, wo sie gut sind und wo noch Lernbedarf besteht.

DCV: Welche Erwartungen hat Fusonic an die Ausbildung, was würdet ihr euch von den Absolventen wünschen?

Das ist einerseits ein gutes Grundverständnis für die Technologien, und andererseits in bestimmten Dingen vertiefte Kenntnisse, damit schon produktiv gearbeitet werden kann. Ich glaube, da braucht es die Kombination.

Natürlich werden die Studierenden am Coding Campus nicht sofort zu Senior Entwicklern. Im Idealfall sind sie nach ihrer Ausbildung und ihrem Praktikum aber so weit, dass wir sie fix übernehmen können.

Vielen Dank Matthias Burtscher für das spannende Interview! 

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Matthias Burtscher, CEO und Co-founder Fusonic

Für alle Interessierten und Neugierigen gibt’s am Mittwoch, 10. Juni, die nächste Infoveranstaltung zu den Ausbildungsprogrammen und -inhalten am Coding Campus! Einfach per E-Mail an info@digitalcampusvorarlberg.at anmelden. Weitere Infos zur Ausbildung gibt’s hier.

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